Der „Ignatul“ – eine uralte Tradition in Transsilvanien


Rumänien ist ein Land mit uralten Traditionen! Einiges mag Außenstehenden fremd erscheinen, aber die Beharrlichkeit, mit der an jahrhundertealten Gebräuchen festgehalten wird, verleiht der Bevölkerung Identität und Zusammenhalt. Mit dem „Ignatul“ beginnt die heiße Phase der Weihnachtsvorbereitungen. Ob Tourist oder nicht, wirklich jeder, der in der Woche vor Weihnachten durch ein transsilvanisches Dorf kommt, wird das Quiecken eines Schweines im Ohr haben, das zum letzten Mal schreit. Nach alter Tradition ist in Transsilvanien der „Ignatul“, der Tag des Heiligen Ignatius von Antiochia am 20. Dezember, für das Schlachten des Schweines bestimmt, das während der Festtage das Weihnachtsmahl bildet. Es ist gute Sitte, dass sich zum Schlachtfest die gesamte Familie versammelt. Jeder Handgriff folgt an diesem Tag einem bis ins kleinste Detail festgelegten Ritual, denn schließlich hängt –für den Rest des Jahres – von der exakten Zubereitung das kulinarische Wohl einer ganzen Familie ab. Ein entscheidender Vorgang ist die Entfernung der Milz. Die älteren Familienmitglieder erwarten mit Spannung diesen Moment, denn so viel ist sicher: falls die Milz recht groß ist, sind ein harter Winter, aber auch ein fruchtbarer Sommer zu erwarten; im umgekehrten Fall zeigt sich bei einer eher kleinen Milz der Winter vorzugsweise mild, während der Sommer wenig ertragreich wird.

Von ähnlicher Bedeutung ist das Abbrennen der Borsten. Früher benutzte man dazu brennende Strohbündel, was der Schwarte einen ausgesucht köstlichen Geschmack verlieh. Von dieser sinnstiftenden Gewohnheit aber ist man mittlerweile abgekommen – heutzutage kommt mit schöner Regelmäßigkeit der Gasbrenner zum Einsatz. Sobald die Schwarte durch das Feuern knusprig wird, schneidet man sie ab: ein Moment, der vor allem bei den Kindern sehnlichst erwartet wird. Sie lecken sich sprichwörtlich alle zehn Finger nach Kruste und Ohren des Schlachtschweines ab. Ist das Schwein alt, wird die Haut abgezogen – aus ihr hat die frühere Landbevölkerung die typischen Opanken (Bundschuhe) hergestellt, die als Hausschuhe die Füße schön warm halten. Sobald die Schwarte abgezogen ist, werden die Innereien verwurstet: cârnaţi (Würstchen), câltaboşi (Leberwurst), tobă (Pressack), sângerete (Blutwurst), sie alle füllen nach und nach die Speisekammer und die Vorratsschränke der bäuerlichen Haushaltung. Ist das Schwein zerlegt, werden alle zu Tisch gebeten, die beim Schlachten geholfen haben. Dieser Brauch trägt den Namen „Pomana porcului“ (Dankesmahl, Dankesgabe, auch „Totenmahl“ des Schweines) und ist der eigentliche Höhepunkt des Schlachtfestes: ein leckereres Schweinefleisch als direkt aus dem Kessel gibt es nicht, und wenn man das Glück hat, dies im Ardeal, in Transsilvanien zu erleben, kann man davon ausgehen, dass auch noch ein gutes Gläschen Tuica für den richtigen Appetit sorgen wird.

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